Zukunft des Wallis – Wallis der Zukunft

Digitalisierung macht alles neu. Unternehmen aus dem Silicon Valley wälzen die Märkte um und revolutionieren unser Konsumverhalten und unsere Gewohnheiten. Künstliche Intelligenz schlägt menschliche ÄrztInnen bei der Diagnose. Intelligente Suchalgorithmen können Gesetze und Urteile schneller und besser durchforsten als AnwältInnen. Werden die meisten Jobs in Zukunft durch Roboter und intelligente Software ersetzt? Bietet die Digitalisierung auch Chancen? Was müssen wir tun, um diese Chancen nicht zu verpassen?

Die Zukunft kann niemand voraussagen. Mögliche Trends und ihre Auswirkungen aufzuzeigen und daraus politische Handlungsfelder zu erkennen, ist hingegen möglich und nötig. Gerade einer Randregion wie das Wallis bietet die Digitalisierung auch Chancen, wenn denn der Anschluss an die digitale Zukunft nicht verpasst wird. Aus diesem Grunde hat sich die SP Oberwallis mit den sich aufdrängenden Chancen und Gefahren der Zukunft beschäftigt. Unter dem Credo «Zukunft des Wallis – Wallis der Zukunft» haben wir ein Papier erarbeitet, welches fünf wesentliche Themenfelder analysiert, Folgerungen fürs Wallis zieht und konkrete Handlungsfelder aufzeigt. Dabei legen wir dar, wie die Chancen der Zukunft positiv genutzt werden können – sofern die Weichen heute richtig gesetzt werden.

Mobilität der Zukunft

Den selbstfahrenden Autos gehört die Zukunft. Bis im Jahr 2025 – optimistische Stimmen rechnen sogar mit in drei bis vier Jahren – werden sich autonom fahrende Autos durchsetzen. In Zukunft werden uns Flotten von selbstfahrenden Autos von A nach B bringen; zumindest in den Ballungszentren. Ob es sich finanziell lohnt, auch in den Randregionen entsprechende Flotten aufzubauen, kann zu Recht bezweifelt werden. Profitorientierte Anbieter von selbstfahrenden Autoflotten werden schlechter frequentierte Linien in kleineren Ortschaften und Bergdörfer preislich unattraktiv gestalten.

Die Digitalisierung ermöglicht es den Mobilitätsanbietern, personalisierte Angebote zu schaffen. Für dieselbe Strecke sollen je nach Nachfrage und Zeitpunkt unterschiedliche Tarife bezahlt werden. Nicht alle Kunden können wählen, wann sie zur Arbeit fahren. Wer nicht wählen kann, wird also bestraft und muss für dieselbe Leistung mehr bezahlen. 

Das einfachste, billigste und umweltfreundlichste Fortbewegungsmittel für kurze Distanzen ist das Velo. Dieses wird im Wallis sträflich vernachlässigt. Es gibt kaum Velowege, weder innerstädtisch noch zwischen den Gemeinden. Veloparkplätze sind nur unzureichend vorhanden und meist in schlechtem Zustand.

Entsprechend hält Dominik Luggen, Sekretär der SP Brig-Glis-Naters, fest: «Das Wallis braucht eine Strategie, damit die Mobilität der Zukunft auch in den Randregionen verfügbar und keine Frage des Portemonnaies ist». Diese Mobilitätsstrategie hat sicherzustellen, dass das Wallis nicht abgehängt wird. Für kürzere Distanzen ist das Velo das effizienteste und umweltfreundlichste Fortbewegungsmittel. Es ist durch separate, sichere und direkte Velowege innerhalb und zwischen den grösseren Talgemeinden sowie durch ein dichtes Netz an grosszügigen Veloparkplätzen und Velostationen mit Werkstätten an zentralen Punkten wie Bahnhöfen zu fördern. Längere Distanzen werden durch selbstfahrende Autos, noch weitere durch die Bahn zurückgelegt. Deshalb sind die Flotten selbstfahrender Autos und das dafür notwendige 5G-Netz in den Service public zu integrieren. Ansonsten werden Randregionen wie das Wallis das Nachsehen haben. Zudem muss Mobilität für alle bezahlbar bleiben. Möglich sind beispielsweise ein Grundeinkommen an frei konsumierbaren Fahrkilometern oder Fahrzeitminuten in selbstfahrenden Autos.

Arbeitswelt und Bildung

Die Digitalisierung verändert die Erwerbsarbeit stark. Arbeitsplätze verschwinden oder verändern sich. Die Chancen liegen darin, dass die Produktivitätssteigerung durch moderne Maschinen oder Roboter zu mehr Freizeit für uns Arbeitenden führt. Die zur Verfügung stehende Zeit kann sinnvoll genutzt werden, um beispielsweise gesellschaftliche Aufgaben zu übernehmen. Zudem werden neue Arbeitsfelder und Arbeitsplätze geschaffen und dezentrales Arbeiten bietet den Randregionen die Chance, dass die Menschen nicht in die Städte wegziehen müssen. Einerseits bieten Unternehmen bereits heute vermehrt Homeoffice an. Doch auch das Wallis kann seinen Beitrag leisten. Mobil Arbeitende sowie Startups haben ein grosses Interesse an mietbaren Arbeitsplätzen, sogenannten Coworking Spaces. Wer diese fördert und anbietet, ermöglicht es der Walliser Bevölkerung dezentral zu arbeiten und wirkt der Abwanderung von gutausgebildeten Personen entgegen.

Gleichzeitig treiben die neuen Möglichkeiten die Arbeitsintensität voran. Stress ist die Folge. In Berufsfeldern wie Pflege- und Betreuungsarbeit werden aus ökonomischen und finanziellen Gründen vermehrt quantifizierbare Vorgaben gemacht. Doch Duschen in einem Pflegeheim oder Anziehen in einer Behindertenwohngruppe geht nun halt nicht immer genau nach der Stoppuhr. «Die Lebensqualität der Menschen muss ins Zentrum der künftigen Arbeitswelt und des Bildungssystems gestellt werden, damit von der Digitalisierung alle statt wenige profitieren», halten deshalb Martina Schnyder und Anita Heinzmann fest. Dazu gehört auch, dass Freiwilligenarbeit und ehrenamtliche Arbeit gut vernetzt stattfindet und eine Aufwertung erlebt, beispielsweise durch Belohnung in Form von Zeittauschbörsen.

Als Randregion mit Familien mit tiefen und mittleren Einkommen ist es für das Wallis wichtig, dass hochwertige Bildung inklusive der Chancen der Digitalisierung für eine breite Schülerschaft und nicht nur für Kinder aus reichem Hause zur Verfügung steht. Neue digitale Lehrmittel ermöglichen einen gezielten und dem Lernstand der jeweiligen SchülerInnen angepassten Lernprozess. Bereits investieren grosse internationale Unternehmen in diesen Markt. Laura Kronig, Vorstandsmitglied SPO, fordert: «Die Hoheit über traditionelle und digitale Lehrmittel bleibt in den Händen von Öffentlichkeit und Gesellschaft statt bei privaten, internationalen und gewinnorientierten IT- und Bildungskonzernen. Erstellen wir weiterhin eigene Lehrmittel sowie neu auch Lehrplattformen in Zusammenarbeit von Lehrpersonen, Fachleuten aus Didaktik und neu der Informatik». Zentral ist dabei, dass die Daten der SchülerInnen auf geschützten Servern in der Schweiz hinterlegt werden.

Den Berggemeinden eine Zukunft geben

Claudia Alpiger, SPO-Vizepräsidentin, stellt klar: «Um die Abwanderung in den Berggemeinden zu stoppen, muss sowohl das Leben als auch das Wohnen und Arbeiten in einer Berggemeinde attraktiver werden». Abwanderung und Abbau von Infrastrukturen und Dienstleistungen verstärken sich gegenseitig. Das Leben im Bergdorf erhält eine Aufwertung, indem neue Begegnungsorte und Treffpunkte, Coworking Spaces oder Kindertagesstätten geschaffen werden. Heute werden die Schulkinder aus kleinen Bergdörfern in die Talgemeinde gefahren. Weshalb nicht umgekehrt Kinder aus dem Tal ins Bergdorf fahren, inklusive Waldkindergarten und Tagesbetreuung vor Ort?

Um die Attraktivität des Wohnens im Bergdorf zu steigern, braucht es eine aktive und fortschrittliche Wohnbaupolitik. Jungen Familien können durch günstiges Bauland oder genossenschaftliches Wohnen zu günstigen Mietpreisen angezogen werden. Durch Renovation und Modernisierung von alten Gebäuden und Wohnungen werden alte Dorfteile wiederbelebt. Dafür bietet sich ein Architekturwettbewerb an und das Wallis könnte zu einem Kompetenzzentrum für nachhaltiges Renovieren von (geschützten) Altbauten und Wiederbelebung der Dorfkerne werden. 

Doch für Claudia Alpiger ist klar: «Mit den betroffenen Personen ist eine Bedürfnisabklärung durchzuführen. Ideen aus der Dorfbevölkerung sind gefragt».

Klimawandel, Energie und Umwelt

Der Klimawandel schreitet voran. Eine Erhöhung der globalen Temperatur um 2 Grad bedeutet für das Wallis eine Erhöhung um 4 Grad. Die Nullgradgrenze wird bis ins Jahr 2050 um bis zu 350 Meter steigen. Schneesichere Gebiete werden künftig nur noch über 2'000 Meter liegen. Die Gletscher – unser Wasserreservoir – schmelzen und verschwinden. Gleichzeitig nimmt die Niederschlagsmenge in der Schweiz insbesondere im Sommer drastisch ab. Dazu Marc Kalbermatter, Alt-SP-Grossrat: «Das Wallis der Zukunft muss beim Umgang mit Wasser umdenken: Ein sparsamer Umgang damit ist in einer heisseren und trockeneren Zukunft angezeigt. Die Mindererträge bei der Wasserkraft können durch Solar- und Windenergie ersetzt werden». Dafür müssen die erneuerbaren Energien bereits heute forciert werden, zum Beispiel indem Gemeinden auf öffentlichen Gebäuden Solaranlagen installieren und durch steuerliche Anreize Privathaushalte und KMUs eingeladen werden, dasselbe zu tun. Zudem ist in Zusammenarbeit mit den Umweltorganisationen eine Windenergiekarte zu erarbeiten, um Zonen auszusondern, wo Windparks Sinn machen.

Doch auch die Senkung von Energie- und Wasserverbrauch ist anzugehen. Die Digitalisierung bietet auch hier Hand zu neuen Lösungen: Ein intelligentes Stromnetz (Smart Grid) verbindet sämtliche

AkteurInnen auf dem Strommarkt, antizipiert und verbessert das Zusammenspiel von Erzeugung,

                                                                           

Speicherung, Netzmanagement und Verbrauch im Gesamtsystem. Dank Smart Grid muss das Stromnetz nicht auf immer neue Höchstbelastungen ausgebaut und es müssten weniger Speicherkapazitäten geschaffen werden. Durch Trennung von Regen- von sonstigem Abwasser und Nutzung von sparsamen Duschbrausen und Wasserhähnen kann zudem der Wasserverbrauch nachhaltig gesenkt werden.

Tourismus

Der Tourismus ist gleich doppelt betroffen: Durch den Klimawandel sind viele Wintersportorte nicht mehr schneesicher. Und die digitalisierte Welt macht auch vor dem Tourismus nicht Halt. Der Gast ist besser informiert, anspruchsvoller und fordernder. Präzise Kunden- und Marktdaten ermöglichen es, massgeschneiderte Produkte zu entwickeln, die beim Gast einen hohen Nutzen stiften. Was sich jedoch nicht ändern wird: Der Gast will wohl auch in Zukunft von freundlichen, zuvorkommenden und bestens informierten Angestellten bedient werden.

Das Wallis verkennt aktuell die Situation. Statt auf Innovation und neue Modelle zu setzen, sollen Afonds-perdu-Beiträge und Darlehen für die Bergbahnen ausgerichtet werden. Es ist absehbar, dass diese mit Steuergeldern unterstützten Bahnen nach einigen Jahren wieder am selben Abgrund stehen. Wir kommen in Zugzwang: Der Markt arbeitet mit neuen Modellen und Plattformen. Für Doris Schmidhalter-Näfen, Präsidentin der SPO, ist klar: «Der Tourismus im Wallis braucht Innovation, neue Modelle, einen Gratis-Channel-Manager, einen neuen Mindestkurs und attraktive Abos für Sommer und Winter». Neben dem Wintersport müssen sich die Tourismusorte neu orientieren und sich auf Wandern und Bergsteigen, Action (Biken, Gleitschirm, Seilparks, Kletterparks, Trottibikes etc.), Wellness und Entspannung, kulturelle Anlässe oder kulinarische Angebote fokussieren. Das vielfältige Angebot des Wallis‘ wird als ein Gesamtpaket von Gletsch bis Bouveret vermarktet. Ansonsten werden wir das Nachsehen haben.

Die Digitalisierung bietet dem Wallis neue Möglichkeiten und Chancen. Sie soll aber im Dienst der Menschen und zum Nutzen einer möglichst breiten Bevölkerung stehen. Die entsprechenden Weichen für ein Wallis mit Zukunft sind bereits heute zu stellen. Denn auch bei der Digitalisierung und deren Chancen ist unser Credo: Für alle statt für wenige!

                                                                       

12. Jan 2018