Eröffnungsrede von Doris Schmidhalter-Näfen (Vereidigungs-Session vom 19. April 2021)

«Auf diesen Moment habe ich mich am meisten gefreut. Ich halte nicht ungern Reden. Meine Gedanken werden Sprache. Und für einmal widerspricht mir niemand; zumindest, solange meine Rede dauert.

Ich bedaure sehr, dass wir keine simultane Übersetzung haben, obwohl bald einmal nur mehr 20 Prozent der Walliser Bevölkerung deutsch spricht. Und die Not leidende Eventbranche hätte sich sicher gefreut über einen kleinen Auftrag inklusive 265 Köpfhörern; Wirtschaftsförderung konkret halt...

Im Wallis starben bisher mehr als 800 Menschen an Covid; pro 100’000 Einwohner mehr als in Ländern wie Brasilien, den USA und auch Italien. Wir alle haben im näheren oder weiteren Umfeld Menschenleben zu betrauern. Wir scheinen das irgendwie zu verdrängen. Wir haben verlernt, gemeinsam zu trauern. Ich möchte Euch bitten, dass wir eine Minute schweigen - in Erinnerung an die Verstorben, in Solidarität mit den Familien und Freunden der Toten.    

Früher durfte im Grossen Rat immer die Älteste oder der Älteste zur Sessionseröffnung reden. Es gibt im Rat wohl Frauen und Männer, die etwas älter sind als ich. Heute entscheidet nicht mehr das Alter sondern das Sitzleder. Niemand ist, zu meinem Erstaunen, schon so lange in diesem Rat wie ich.

1967 hielt Karl Dellberg, der die Geschichte des Wallis mitgeprägt hat, als Alterspräsident im Nationalrat eine Aufsehen erregende, mutige Rede. Im Zentrum stand der Kampf gegen den Vietnam-Krieg. Die Rechte tobte gegen den Löwen von Siders, der zu Unrecht noch keinen Platz in den Geschichtsbüchern des Wallis gefunden hat. Er war und ist über seinen Tod hinaus einer von uns.

Einer aus dem Wallis, das sich jetzt grundlegend verändert. Die Linke, das heisst SP und Grüne, haben nach diesen für sie erfolgreichen Wahlen mehr Sitze im Grossrat als je zuvor. Sie werden, wenn die Meinungsforscher richtig liegen, in vier Jahren die CVP als stärkste Kraft im Grossen Rat überholen. Das würde mich natürlich freuen. Trotzdem verspreche ich ihnen, dass ich in vier Jahren nicht noch einmal als älteste amtierende Grossrätin zu ihnen sprechen werde.

Dieses Jahr findet zur Eröffnung der Legislatur kein Gottesdienst statt. Um ehrlich zu sein, habe ich seit meiner ersten Wahl in der Grossen Rat im Jahr 2005 diesen nie besucht. Ich war und ich bin für die Trennung von Staat und Kirche. So sehen es übrigens immer mehr Walliserinnen und Walliser.

Neu sitzen im Grossen Rat mehr als 30 Prozent Frauen. Darunter drei Fraktionschefinnen. Das ist wohltuend, nachdem der Staatsrat wieder eine reine Männerbastillon geworden ist.

Im Staatsrat hat bei den vergangenen Wahlen die CVP ihre absolute Mehrheit verloren. Mit der neuen Zusammensetzung wird die Bevölkerung besser abgebildet. Wird es zu längst nötigen Veränderungen kommen oder wird der grossteils themenlos geführte Wahlkampf die neue Regierung lähmen? Hoffen wir alle das Beste. Nur: Das Beste ist nicht für alle das Gleiche. So funktioniert unsere Demokratie.

In dieser Legislatur werden uns viele wichtige Themen beschäftigen:

Muss das Wallis wirklich bis 2060 warten, bis es klimaneutral wird? Geht das wirklich nicht schneller?

Die Krankenkassenprämien sind explodiert. Viele Familien mit mittleren Einkommen können diese fast nicht mehr bezahlen, weil wir am falschen Ort gespart haben. Wie können wir das ändern?

In Sachen Raumplanung droht das Chaos in den Gemeinden. Wäre es nicht sinnvoll, auf die von der SP vorgeschlagenen Baulandumlegungen zurückzukommen?

Geschieht mit der dritten Rhone-Korrektur das gleiche Debakel wie mit der Autobahn im Oberwallis? Oder werden wir die aus Bern kommenden Milliarden sinnvoll in einen sicheren und lebenswerten Talgrund investieren.

Wir vertreten unterschiedliche Positionen. Und das ist gut so. Wir werden daran gemessen, ob wir gemeinsam Lösungen finden. Und das ist noch besser „gut so“. Das sollte leichter fallen, weil die Zeiten der Überheblichkeiten zu Ende gehen. Ich bin von Natur aus optimistisch. Und für die neue Legislatur erst recht.

Ich wünsche besonders den Neugewählten, aber auch allen anderen Mitgliedern des Grossen Rates einen guten Start in interessante Zeiten.»

26. Apr 2021